Donnerstag, 7. September 2017

[Rezension] Ana Woods: Fallen Queen - Ein Apfel, rot wie Blut [Abbruch]

Fallen Queen - Ein Apfel, rot wie Blut

Autor: Ana Woods
Genre: Jugendbuch, Fantasy, Märchen
Erschienen: 08.10.2012
Seiten: ca. 300
Einband: Taschenbuch / eBook
Verlag: Drachenmond Verlag
ISBN: 978-3-95991-104-7
Preis: 12,90€ [Taschenbuch] | 3,99€ [eBook]

Rating: Abbruch

 




Inhalt

"Wenn aus Schwestern Feindinnen werden und Äpfel Königinnen zu Fall bringen.Erst wenn Königin Nerina sich einen Gemahl erwählt hat, darf die Prinzessin des Landes heiraten. Was aber, wenn sie sich in den Mann verliebt, den auch das Herz ihrer Schwester begehrt?Um den Thron betrogen und zum Tode verurteilt flieht Nerina in den Verwunschenen Wald, einen Ort, den viele Menschen betraten, doch niemals mehr verließen." - Quelle: Verlag

Cover ♥♥♥♥♥

Ohne Frage, dieses Cover ist eines der schönsten, das ich je gesehen habe. Es ist dunkel, mysteriös und sieht wahnsinnig edel aus. Ich liebe den düsteren Bezug zu Natur und Wald, der bei den Grimmsmärchen ja stets eine große Rolle gespielt hat. Und die schön abgestimmte Schrift mit der Krone über dem Sekundärtitel veredelt das darunter liegende Bild nur noch mehr. Nicht zu vergessen der für Schneewittchen allseits bekannte, blutrote Apfel, dessen Farbe und Taubemalung einfach von Perfektion spricht - ich musste einfach zugreifen! Auch wenn es in diesem Fall bedeutete, dass das schöne Äußere über das gar nicht mal so schöne Innere hinwegtäuschte.

Charaktere ♥

Nerina: Hauptperson dieser modernen Neu-Inszenierung der Grimmschen Schneewittchen-Geschichte ist nicht etwa, wie vielleicht erwartet, Schneewittchen selbst, sondern Nerina, die böse Königin, die mithilfe eines vergifteten Apfels ihre Schwester umgebracht haben soll. Zumindest fast. Denn wie wir wissen bedeutet dieser Apfel für Schneewitchen nicht das Ende, für die beiden Schwestern jedoch das Ende einer gemeinsamen Zeit. Nerina war für mich eine der charakterschwächsten Figuren, die ich bislang erleben durfte. Und das, obwohl sie bei ihren seitenweisen Monologen mehr als genug Zeit hat, ihren Charakter in allen möglichen Tiefen auszuleuchten - ihr Charakter bleibt flach und ohne Ecken und Kanten, ohne schlechte Eigenschaften, ohne Eigenheiten. Sie scheint nur ein Mittel zum Zweck - das sind sie schließlich alle, diese Figuren, nur die meisten Autoren schaffen es, aus diesem Werkzeug lebendige Wesen zu machen - und erzählt sogleich zu Beginn der Geschichte ihrer 14-jährigen Schwester relativ detailgetreu und sensationsheischend von dem Gemetzel, bei dem ihre Eltern ums Leben kamen. Ich musste den Abschnitt gleich zwei Mal lesen, ob ich auch wirklich richtig gesehen hatte. Welche große Schwester erzählt ihrer jüngeren, wie das Blut ihrer Eltern den Boden tränkte? Sie selbst scheint dabei alles andere als hart im Nehmen zu sein. Nicht nur versinkt sie eigentlich die meiste Zeit in Selbstmitleid und gibt sich ihren Tränen hin, nein, sie scheint auch von solchem Gutglauben zu sein, dass sie nicht einmal in der Lage ist, den Mord ihrer Eltern aufzuklären oder ein vernünftiges Gespräch mit ihrer Schwester zu führen. Nicht alle Hauptfiguren müssen stark sein. Aber es ist zumindest von Vorteil, wenn sie etwas Tiefe haben.

Eira: Schneewittchens Name ist Eira. Sie ist die jüngere Schwester der Königin und trägt seit dem Tod ihrer Eltern eine unbeschreibliche Dunkelheit in ihrem Herzen. Sie verzeiht ihrer Schwester nicht, dass sie nichts tut, um den Mord, der ihr Leben so sehr verändert hat, aufzuklären und ein wenig Gerechtigkeit wirken zu lassen. Insoweit hatte ich Verständnis für das kühle und garstige Verhalten, dass sie Nerina die meiste Zeit entgegenbringt. Später ist es eine jugendliche Liebe, die sie über die Trauer hinwegbringt und ihr neues Leben einhaucht. Doch auch diese Liebe währt nicht lange, sie wird durch Nerina verhindert - und der anfängliche Unmut der kleinen Schwester wird in Hass umgekehrt. Während die Königin die eigentlich Gute der Geschichte ist, verkümmert die jüngere Schwester in ihrem Schatten zu einem nicht ernstzunehmenden und vorallem schwer nachzuvollziehenden Bösewicht. Ich konnte ihren Hass verstehen, doch nicht ihre Absicht, ihre Schwester für das Unglück, das ihr widerfahren ist, mit allem was sie ausmacht vernichten zu wollen. Ihr Wahnsinn kam wie aus dem Nichts und nahm Ausmaße an, die für mich psychologisch unbegründet waren. Des Weiteren bleibt Eira nichts als eine Hülle ihrer Zweckmäßigkeit: Sie hat ebensowenig Ecken und Kanten wie ihre Schwester und wird im Verlauf der Geschichte auch nicht wirklich nahe gebracht. Keine der beiden Figuren bleibt einem besonders lange im Gedächtnis.

Schreibstil ♥♥

Es wäre gelogen, wenn ich behauptete, dass Ana Woods kein Talent zum Schreiben habe. Ihr Schreibstil ist märchenhaft, passend zum Genre, und beinahe fehlerfrei zu lesen, bleibt dabei aber genauso flach wie ihre Figuren. Es fehlt definitiv an Dialogen und Charakterinteraktion, viele wesentliche Schlüsselszenen, bei denen mehr Charaktere als die Königin zugegeben waren, werden auf ein paar Sätze runtergekürzt und checklistenartig erwähnt. Ihre aufflammende Liebe zu einem Mann bleibt dadurch ein billiges Detail am Rande, das für den Leser wenig mitreißend ist, obwohl diese Liebe für die Königin eine, wenn nicht sogar die bedeutendste, Handlungsmotivation darstellt. Angst, Zuneigung, Trauer und Glück werden durch den Schreibstil nicht transportiert sondern abgearbeitet und alle damit verbundenen weiteren Emotionen bleiben gekünstelt und in den meisten Fällen irgendwie grundlos. Es werden viele unwichtige Nebencharaktere eingeführt, die letztlich keinen tieferen Sinn für die Geschichte haben und bald darauf auch schon wieder aus dem Namensgedächtnis des Lesers verschwinden. Wo Spannung aufkommen sollte herrscht eine Menge Dramatik aber wenig Gespür für die menschliche Psychologie.

Handlung ♥

An dieser Stelle muss ich nochmals betonen, dass ich Fallen Queen nicht bis zum Ende gelesen habe. Somit muss ich meine Einschätzung geben, ohne das Ende des Romans zu kennen. Wie ich eben bereits erwähnte, hatte ich das Gefühl, das viele wesentliche Szenen verkürzt und wie im Schnelldurchlauf abgearbeitet wurden, obwohl sie für die Charakterentwicklung zentral zu sein schienen. Das Kennenlernen ihres Geliebten oder die Versuche, an ihre trauernde Schwester heranzukommen, sollten emotionale Höhepunkte für die Hauptpersonen darstellen und nicht nur nebensächlich am Rande erwähnt werden. Eine spannende Geschichte ist für den Leser nicht spannend, wenn er keine Verbindung mit den Charakteren spürt. Dann könnten wir auch einfach alle billigen Splatter-Horror lesen, bei dem es nur darum geht, wer wann auf welche spektakuläre Weise als nächstes umkommt. Deswegen hat mich die Handlung absolut nicht berührt. Es gibt nicht einmal eine Nebenhandlung oder nette Nebencharaktere, die den fehlenden emotionalen Hook ersetzen könnten. Somit spürt man ganz deutlich, welche Punkte sich die Autorin auf ihrer Handlungsliste bei der Planung ihres Romans notiert hat und diese dann nach und nach abhakt. Sie nimmt sich viel Zeit für die wenig spannende Innensicht der Königin, und überhaupt keine Zeit dafür, die Welt, in der diese Königin lebt, lebendig und anschaulich darzustellen. Man weiß eigentlich gar nichts. Man kennt ein paar Namen der Herzogtümer und ihrer Herrscher, doch diese bleiben unwesentlich und in einem Satz abgearbeitet. Ob es besser wird, weiß ich nicht, denn als mich der erste dramatische Höhepunkt nicht mitreißen konnte, musste ich das Buch weglegen.

Gesamtwertung ♥

Da ich das Buch abgebrochen habe - und das ist mir noch nie passiert, denn in den meisten Fällen nehme ich mir vor, das Buch erstmal nur wegzulegen und es später wieder zu versuchen - nehme ich mir heraus, ihm eine Ein-Herz-Bewertung zu geben. Dies ist meine Meinung und sie muss nicht mit der euren übereinstimmen. Denn darüber, dass mich das Buch absolut gar nicht berühre konnte, kann nicht einmal das traumhafte Cover oder der solide Schreibstil hinwegtrösten. Wenig Tiefe, oberflächliche Charaktere, wenig Gespür für Prioritäten und szenisches Schreiben bei der Konzeption des Romans sowie nicht nachvollziehbare Handlungen machten das Lesen für mich eher zu einer Bürde, als dass es mir Spaß machte. Und wenn du dich von den ausladenden Monologen und Selbstmitleidtiraden der Hauptperson nicht länger berieseln lassen kannst, weil du es einfach nicht mehr auszuhalten glaubst, und dich nicht ein einziger weiterer Charakter mehr in der Geschichte hält, dann ist es vielleicht besser aufzugeben. Vielleicht hätte ich gerne erfahren wollen, was aus Nerinas Geliebten geworden ist, hätte ich die Chance gehabt ihn kennenzulernen. Vielleicht hätte ich Eiras tödlichen Hass verstanden, hätte sie die Gelegenheit bekommen, im Text ein psychologisches Profil zu erhalten, statt eine Hülle aus Worten zu bleiben. Aber so blieb mir alles, was mit der Geschichte zu tun hatte, bis zu meinem Absprung traurigerweise äußerst gleichgültig.

Vielen Dank an den Drachenmond Verlag für das Rezensionsexemplar!



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