Samstag, 7. Mai 2016

[Rezension] Dorothy Hearst: Der Schwur der Wölfe (1)

Der Schwur der Wölfe (1)

Autor: Dorothy Hearst
Genre: Abenteuer, Jugendbuch, Fantasy
Erschienen: 25.06.2015
Seiten: 432
Einband: Paperback
Verlag: FJB
ISBN978-3-8414-2226-2
Preis: 14,99€ [D] | 15.50€ [A]

Rating: 


Inhalt

"Vor 14.000 Jahren begann die Legende der Wölfe mit einem bedeutsamen Schwur: Wir werden uns nie mit den Menschen einlassen. Und wir werden nie einen Menschen grundlos töten. Dieser Schwur bestimmt das Leben der Wölfe des Großen Tals. Bis eine junge Wölfin die Lüge, die sich hinter diesem Schwur verbirgt, entlarvt. Eine Lüge, die ihren eigenen Tod und die Zerstörung all dessen, was sie liebt, bedeuten könnte. Als die junge Wölfin Kaala unten am Fluss das kleine Mädchen TaLi vor dem Ertrinken rettet, sich mit ihr anfreundet, heimlich mit ihr zu jagen und zu spielen beginnt, riskiert sie, aus dem Rudel ausgeschlossen und aus dem Weiten Tal vertrieben zu werden. Aber auf unerklärliche Weise fühlt sich Kaala zu den Menschen hingezogen und als sie schließlich erfährt, dass sie der letzte noch lebende Wolf ist, der dazu berufen ist, die Verbindung der Menschen zur Natur zu bewahren, muss sie sich ihrer Aufgabe stellen. Und schon bald droht ein Krieg zwischen den Wölfen und den Menschen, der sie vor eine große Entscheidung stellt …" - Quelle: Verlag


Cover  

Ich kann bei diesem Cover eigentlich gar nichts anderes sagen als: Wow. Schon damals, als dieses Buch in seiner ersten Auflage als "Das Versprechen der Wölfe" erschien, war ich von dem Cover hin und weg (siehe ganz unten), doch diese Version hat sich nochmal doppelt übertroffen. Die tiefblaue, verträumte Farbgebung des Waldes im Hintergrund, der edle Rahmen, der das Bild von Wolf und Mensch und den Titel umschließt. Letzterer ist in seiner Größe sehr dominant, der eigentliche Blickfang bleibt trotzdem die Abbildung darüber, was für eine wohlüberlegte und sehr gelungene Komposition spricht. Es gibt eine Vorstellung davon, wie Kaala und TaLi gemeinsam durch den Wald rennen, ohne der eigenen Fantasie den Zündstoff zu nehmen, wie es ein Fotocover an dieser Stelle wohl getan hätte. Alles in allem habe ich an der Gestaltung absolut keinen Fehler gefunden - das Buch ist eins der schönsten in meiner Sammlung!

Charaktere  

Kaala: Vom schwächlichen Winzjunges zur willensstarken Jungwölfin begleiten wir Kaala im ersten Band Der Schwur der Wölfe - und dabei bereitet sie uns mehr als einmal gehöriges Herzflattern. Es ist wahnsinnig spannend, dabei sein zu dürfen, wie sie heranwächst, lernt, sich in ihrem Rudel zu behaupten (oder eben nicht) und wie sie sich mit ihrer Sturheit mehrfach in scheinbar unlösbare Konflikte manövriert. Sie ist eine starke, unabhängige Jugendbuch-Heldin mit einem großen Herzen, sehr viel Mut und diesem Hauch von Lebensmüdigkeit, der spannende Geschichten erst so richtig spannend macht. Doch sind es erst ihre Fehler, die sie erst so richtig interessant machen: Sie spürt Neid und Eifersucht, beweist aber trotzdem die nötige Stärke, darüberzustehen, sie setzt ihren Willen durch, ganz gleich wie ihre Rudelmitglieder und vor allem der Leser ihre Entscheidungen bewerten, sie ist übermütig und überschätzt sich manchmal selbst, war ihr nicht immer weiterhilft. Ich war nicht immer mit ihren Taten einverstanden, sie war mir dabei aber niemals unsympathisch - im Gegenteil. Sie fühlt sich an wie ein eigenständiges Wesen, ein naives, unerfahrenes Mädchen, das alle Emotionen in sich trägt, die auch zu einem Menschen gehört, und mit Genuss Fehler macht, die der jugendliche Leichtsinn eben mit sich bringt. Ich liebe Kaala und ich kann es kaum erwarten, mich in den nächsten Band zu stürzen, um zu erfahren, was das Schicksal für sie noch so bereit hält.

Azzuen: Kaalas Wunschbruder Azzuen wirkt in der ersten Hälfte des Buches relativ unscheinbar. Recht früh beschließt er, Kaala zu folgen und zu vertrauen, ganz gleich, was sie tut oder wohin sie geht. Dass er sich dadurch selbst in Gefahr bringen könnte, kommt ihm dabei natürlich nicht in den Sinn - oder es ist ihm nicht wichtig. Dadurch wirkt er stets ein bisschen zu flach und zu schwächlich, um wirklich eine große Rolle in Kaalas Abenteuer zu spielen. Aber wie wir wissen, sind stille Wasser tief, und so entpuppt sich Azzuens Entwicklung für mich eigentlich als die größte Überraschung. Von allen Charakteren macht er die größte Wandlung durch und hat das gleichermaßen größte Potential, in den kommenden Bänden über sich herauszuwachsen. Er beweist auf jeden Fall das nötige Rückgrat dazu und wächst dem Leser mindestens genauso sehr ans Herz wie Kaala.

Ruuqo: Für den Leitwolf der Wölfe vom Schnellen Fluss empfinde ich eine leidenschaftliche Hassliebe, wie ich sie nur selten erleben durfte. Einerseits verabscheue ich ihn für seine Taten, die meisten seiner Entscheidungen und vor allem für seine Einstellung Kaala und ihren Freunden gegenüber. Mit seiner sturen, dominanten Art wirft er der Jungwölfin immer wieder scheinbar unüberwindbare Stolpersteine in den Weg und macht keinen Hehl daraus, dass er sie verabscheut. Gleichzeitig kann ich seine Entscheidungen auch sehr gut nachvollziehen, weil der Leser nur selten im Unklaren darüber gelassen wird, wie sie zustande kommen. Auf seinen Schultern lastet die Verantwortung für ein ganzes Rudel, und sein einziges Ziel ist es, sie vor allem Unheil zu schützen. Schwache, kopflose Wölfe kann er in seiner Nähe nicht gebrauchen, wenn es um das pure Überleben geht. So gesehen konnte ich für Ruuqo niemals Abneigung empfinden, im Gegenteil, so gemein er auch sein kann, irgendwie hatte ich immer das Gefühl, in zu verstehen und für seine tragische Rolle des Buhmanns gerade ganz besonders gern zu haben. Er hat es nicht leicht - ich bin gespannt, wie sein Charakter sich in den kommenden Bänden weiterentwickelt.

Tlitoo: Was wäre eine heldenhafte Wölfin ohne ihren herrlichen Sidekick? Die junge Krähe Tlitoo war für mich ein unverkennbares Highlight in Der Schwur der Wölfe. Er ist unglaublich intelligent, dafür aber auch umso aufdringlicher! Ausgestattet mit ein paar gerissenen Ideen, einem spitzen Schnabel und Flügeln, die ihn immer aus der Schusslinie manövrieren, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Kaala auf ihrem Weg zu begleiten und ihr dabei gehörig auf die Nerven zu gehen. Er steht ihr immer dann bei, wenn sie es am dringendsten braucht, beschert ihr ansonsten aber lieber die ein oder andere Schwierigkeit, um sich über sie lustig zu machen. Ein herrliches Detail der Krähen, wie sie in Dorothy Hearts Trilogie dargestellt sind, ist ihr ständiger Drang, sich in kurzen, frechen Haikus auszudrücken, wann immer ihm der Sinn danach steht. Zwar beherrscht er auch die normale Sprache mit geradlinigen Sätzen, wie sie den Wölfen und Menschen auch zueigen ist, doch nutzt er die Poesie viel lieber, um seinen Gegenüber entweder sehr geschickt zu beleidigen oder ihn rätselhaft in die Irre zu leiten. Seine scheinbar desinteressierte, schelmische Art war herrlich und lockerte die oftmals eher ernsthafte Atmosphäre des Romans auf angenehme Weise auf. Toller Charakter!

Schreibstil  

Dorothy Hearst hat einen ruhigen und spannenden Schreibstil, der trotz der mystischen Elemente in der Handlung überraschend down-to-earth geblieben ist. Man fühlt sich von der geschickten Komposition zwischen realistischem Tierreich und fantastischem Zusammenspiel der einzelnen Parteien so eingenommen, dass man immer wieder vollkommen in die Geschichte abtaucht ohne es zu merken. Weite Graslandschaften, dunkle und helle Wälder, Mondnächte, so klar, als könnte man sie greifen - das Ganze entfaltet seine ganz eigene Magie, die von der realitätsgetreuen Darstellung wölfischen Sozialverhaltens gepaart mit eher menschlich gehaltenen Charaktereigenschaften der Tiere nur noch verstärkt wird. Hearst selbst ist auf dem Gebiet der Wölfe eine Expertin, wie sie im Buche steht, denn sie hat ihr Verhalten viele Jahre lang studiert - diese Erfahrungen spiegeln sich in ihrem Roman so wunderbar wieder, dass man nicht nur das Gefühl hat, in eine fantasievolle Welt abzutauchen, sondern gleichzeitig auch etwas über die faszinierenden Tiere zu lernen, die sie bevölkern. Wie bringen Wölfe ihre Jungen durch? Wie funktioniert das Rang-System? Wie jagen Wölfe? Welche Funktion erfüllen die einzelnen Tiere in einem Rudel? Realtität trifft Fantasie auf allerhöchstem Niveau!

Handlung  

Auch nach dem zweiten Lesen empfand ich die Geschichte, die Der Schwur der Wölfe erzählt, von Anfang bis Ende unfassbar spannend! Wir werden nicht nur mit einem hilflosen, neuen Leben konfrontiert, das seinen Weg finden muss, zu überleben, sondern erfahren am Rande auch, dass dieses kleine Leben entweder zu großem Glück oder zu großem Unheil verdammt ist. Natürlich beobachtet man da jeden seiner Schritte umso genauer, fürchtet um es, fühlt mit ihm, wünscht ihm Stärke, Kraft und Gerechtigkeit, doch schnell muss man einsehen, dass die Wildnis gnadenlos ist. Kaala führt uns auf eine unvergessliche Reise, tut Verbotenes, tut Richtiges, tut Falsches und bringt damit nicht nur ihr eigenes Schicksal ins Rollen, sondern auch das ihrer Freunde und Gefährten um sich herum. Auf jeder neuen Seite findet sie sich mit einer neuen Herausforderung konfrontiert, sei es, weil es auf natürlichem Wege, wie die erste große Wanderung, oder von außen verursacht, wie durch Missgunst eines ihrer Rivalen. Das Buch endet in einer gefühlt gewaltigen Entladung all dieser Konflikte, zwischen Loyalität und Liebe, zwischen Heimat und Sehnsucht, zwischen Mensch und Wolf. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, auch wenn ich es manchmal gerne getan hätte, einfach, um mich den unangenehmen moralisch-ethischen Problemstellungen zu entziehen, die mich das ein oder andere Mal auf eine harte Probe gestellt haben. 

Gesamtwertung 

Als ich vor einigen Jahren das erste Mal auf dieses Buch gestoßen bin, habe ich noch nicht geahnt, welch großer Schatz mir da in die Hände geraten ist. Dieses Buch hat alles, was ein gutes Jugendbuch haben muss: Eine mutige, aber nicht unfehlbare Heldin, ein spannendes Abenteuer, ein Konflikt, der Hauptfigur und Leser gleichermaßen vor die Wahl seiner ethischen und moralischen Grundsätze stellt, tolle Charaktere, und nicht zu vergessen: Der Traum eines jeden Kindes, die Welt einmal aus den Augen eines Tieres zu sehen. Das alles mach Der Schwur der Wölfe zu einem tollen Buch für Jugendliche und Erwachsene, die auf der Suche nach neuen Ideen und großen Abenteuern ihren eigenen Träumen hinterherjagen. 


Das alte Cover!


Spannung
Romantik
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin